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Der Mafia-Jäger

755691621Er hat Jahre lang gegen die Mafia Apuliens gekämpft, unter Polizeischutz gelebt, hunderte von Mafiosi hinter Gitter gebracht. In seiner beinahe zwanzigjährigen Karriere als Antimafia-Magistrat hat Gianrico Carofliglio so gut wie alles erlebt, wovon man als Normalbürger Italiens nur in den Zeitungen liest: Mord, Gewalt, menschliches Elend.

Doch als er am 14. Mai 2002 um 14:30 den Anruf vom Verlag Sellerio erhielt, blieb dem hart gesottenen Staatsanwalt die Spucke weg. Am Telefon war nicht irgendeine Lektorin, sondern die Signora Elvira Sellerio persönlich – die Chefin einer der renommiertesten Verlage Italiens. Sie wolle ihm zu seinem wunderbaren Roman gratulieren. „Ich möchte Ihr Buch in September herausgeben“.

Neun Monate lang hatte der Staatsanwalt zwischen endlosen Gerichtssitzungen und gefährlichen Ermittlungen an seinem ersten Roman, einem Gerichtskrimi, fieberhaft geschrieben. Und nun sollte sein Buch im Traditionsverlag Sellerio erscheinen! Carofiglio, der gerade mitten in einer wichtigen Besprechung war, erblasste vor Aufregung. Kein Wunder, dass ihn die anwesenden Polizeioffiziere fragen mussten, was mit ihm los sei. „Testimone Inconsapevole“, so der Titel seines Erstlings, hat seitdem hunderttausende von Lesern verzaubert und gar die strengsten Kritiker Italiens ins Schwärmen gebracht. Die deutsche Fassung ist seit Februar mit dem Titel „Reise in die Nacht“ (Goldmann Verlag) erhältlich.

Aber was macht diesen Roman so besonders? Wer mafiose Intrigen, schreckliche Morde und spektakuläre Verfolgungsjagden erwartet, wird enttäuscht sein. Carofiglio entpuppt sich als einfühlsamer Seelenkenner, der es versteht, eine spannungsvolle Geschichte über Rassismus und Ungerechtigkeit mit tiefgründigen Innenansichten seiner Charaktere zu kombinieren.

Bei amazon: „Reise in die Nacht“ von Gianrico Carofliglio

Panik- und Heulattacken

Der Romanprotagonist ist der Rechtsanwalt Guido Guerrieri, ein ganz und gar unheroischer Typ, der sich weder für seinen Beruf noch für seine Ehe sonderlich interessiert. Bis eines Tages seine Frau Sara ihn plötzlich verlässt und er in eine Lebenskrise stürzt. Von nun an stehen Panik- und Heulattacken an der Tagesordnung. Sein ganzes Leben scheint aus den Fugen zu geraten. Nur widerwillig übernimmt er die Verteidigung des senegalesischen Straßenhändlers Abdou Thiam. Er wird beschuldigt, einen neunjährigen Jungen missbraucht und ermordet zu haben. Doch gerade das hoffnungslose Schicksal des zu Unrecht beschuldigten Abdou gibt Guido neuen Lebensmut.

Die Verteidigung Guidos während des Mordprozesses ist ebenso mitreißend wie seine persönliche Entwicklung und nicht zuletzt das Entstehen einer neuen Liebe. Der Sprachstil ist dabei wunderbar einfach: fast nur Hauptwörter, die der Autor eindrucksvoll einzusetzen weiß. Mit „Reise in die Nacht“ hat Carofiglio das Genre des Gerichtskrimis in Italien eingeführt und gleichzeitig dessen übliche Grenzen weit überschritten.

Inzwischen hat der unermüdliche Autor zwei weitere Bücher in Italien veröffentlicht: „Ad occhi chiusi“ und „Il passato è una terra straniera“ sind in Italien ebenfalls zu Besteller geworden. „Ad occhi chiusi“ wird in deutscher Fassung im nächsten Jahr erhältlich sein.

[Francesca Giudice]




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