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Der mit der Kartoffel tanzt
sxc_scarter_234Fulvio Pierangelini ist Römer. 1953 in der Ewigen Stadt geboren, hat er zuerst Politologie studiert, den Doktortitel errungen, dann aber die Diplomatenkarriere zugunsten des Kochtopfs sausen lassen. Er ging an die Toskanaküste und eröffnete 1980 in San Vincenzo sein Restaurant „Gambero Rosso“.

Die Namensgleichheit mit dem berühmten Italo-Weinführer ist ein Zufall, auch wenn der Weinexperte Pirangelini inzwischen als Tester mitarbeitet. Der Start war schwierig. Die verschlafene Gegend, industriell und verkehrstechnisch schwach entwickelt, machte potentielle Gäste für Pierangelinis Spitzengastronomie zur Mangelware.

An die Spitze

Das hat sich ganz wesentlich geändert. Die schlichte und klare, dabei selbstbewusste und intelligente Küche des „Gambero Rosso“ hat ihr enthusiastisches Publikum gefunden. In den 1990er Jahren entdeckten Kritik und Kollegen das besondere Potential. Der kleine Küstenort wurde zum unfreiwilligen Mekka der Gourmet-Gemeinde. Aus dieser Zeit stammt Pierangelinis Ruf als „Caratteraccio“ (schwieriger Charakter). Nicht genug damit, dass jedermann seine legendären Garnelen auf Kichererbsenpüree oder die Rote Bete mit Lakritz kosten wollte. Seine minimalistischen und geradlinigen Kreationen tauchten unversehens landauf, landab auf den Speisekarten auf. Was ihren Erfinder dazu brachte, einige Zeit ein Schild mit dem Hinweis „Journalisten und Köche unerwünscht“ an seine Restauranttür zu hängen.

Sensible Koch-Seele

Die verständliche Verärgerung paart sich bei Pierangelini mit einer besonderen Dünnhäutigkeit. Zudem ist er ausgesprochen medienscheu. Die Journalistin Raffaella Prandi konnte sein Vertrauen erringen, sie schrieb das Buch „Fulvio Pierangelini. Der große Solist der italienischen Küche“. Ihr gegenüber hat er zugegeben, sich immer schützen zu müssen. Er habe „keine Antikörper“. Außerdem würde er nicht allein mit wohlgewählten Zutaten kochen. In jedes Gericht fließt auch ein Stück seiner Seele ein. Dadurch wird ein Rezept-Plagiat auch zum Seelenklau.

michaela-schmidt-meier_234Ich liebe Lebensmittel

Wichtigster Glaubensgrundsatz des Koch-Philosophen ist, dass alle Zutaten dieselbe „Würde“ besitzen. Daher wundert es nicht, dass Spaghetti mit Hummer und Spaghetti mit Tomatensugo den gleichen Preis haben. Außerdem ist es für ihn unabdingbar, alle Phasen der Zubereitung mitzumachen. Jeder Spitzenkoch hat seine Leute für die niederen Küchendienste. Nicht so Pierangelini: Er schält Kartoffeln und putzt Gemüse. Dabei entwickelt sich für den genialen Sonderling eine besondere Anziehungskraft zwischen den Lebensmitteln und seiner Person.

Es ist durchaus ernst gemeint, wenn er erklärt, dass er die Kartoffeln vor dem Kochen streichelt, um sie dann zur Diva seines Gerichts zu erheben.



 
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