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| Der andere Sizilianer – Mafia-Gegner Leoluca Orlando |
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Als Bürgermeister von Palermo wurde er Italiens prominentester Mafia-Gegner - und er wird nicht müde, seine Mission weiter zu erfüllen.Leoluca Orlando ist ein gefragter Mann. Wer mit ihm reden will, muss früh aufstehen - er empfängt Reporter schon mal um 8 Uhr morgens. Am Sonntag. Doch das Aufstehen lohnt sich: Leoluca Orlando hat viel zu sagen – viel zu viel, um es in einer Viertelstunde Interview unterzubringen.
Ehre, Familie, FreundschaftEigentlich will man mit ihm über die Mafia reden. Mit schlechtem Gewissen, denn Mafia, das klingt so romantisch, folkloristisch, fast harmlos. Zu klein, um das eigentliche Problem zu fassen. In Wirklichkeit geht es um Einschüchterung, Todesangst, Armut, Ausbeutung, dreckige Geschäfte, Menschenverachtung und um Massenmord. Und es geht um Mut – um den Mut, diesem System die Stirn zu bieten, so wie Leoluca Orlando und viele andere das tun. Orlando redet gerne über die Mafia. Aber er spricht lieber von Zivilcourage, von Bürgersinn, von sizilianischer Kultur: Von Ehre, Familie und Freundschaft, von sizilianischen Werten. Orlando sagt, das Erfolgsgeheimnis der Mafia ist die Perversion dieser Werte: "Die traditionelle sizilianische Mafia hat im Namen der Ehre gemordet, im Namen der Familie, im Namen der Freundschaft. Sie hat doppelt gemordet: Einmal die Person, einmal die sizilianische Kultur." Die Botschaft ist klar: Ihr seid nicht Sizilien. Ihr habt keine Werte, und schon gleich gar nicht verteidigt ihr etwa die Ehre, die Familie oder die Freundschaft. Und schnell wird einem klar: Leoluca Orlando ist kein erbitterter Mafia-Gegner, obwohl, sondern weil er Sizilianer ist. Ein Held will er allerdings nicht sein. Manche bezeichnen ihn als "Mafia-Jäger". Den Ausdruck mag er gar nicht. In einem Zeitungsinterview hat er mal gesagt: "Ich bin eine Postkarte." Eine Postkarte, meinte er, mit der die Sizilianer der Welt sagen könnten: "Hallo, wir sind hier nicht alle Mafiosi."
"Palermos Wiedergeburt"Sein Kampf funktioniert anders: Es ist ein Kampf der Symbole und der Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Als Bürgermeister von Palermo hat er die berühmte Oper renovieren und wieder eröffnen lassen, zahlreiche Gebäude hat er vor dem Abriss durch mafiöse Baufirmen gerettet, und aus der verfallenen Spasimo-Kirche hat er ein Kulturzentrum gemacht, das zum Symbol für "Palermos Wiedergeburt" wurde. Orlando: "Als ich mit meiner politischen Tätigkeit begann, war Palermo nur physisch eine Stadt; niemand fühlte sich für sie verantwortlich." Im Palermo des Leoluca Orlando kümmerten sich die Menschen auf einmal um die öffentlichen Gebäude, um die Straßen, die Plätze. Schulklassen und Betriebe übernahmen Patenschaften für Denkmäler und Plätze, die Leute halfen beim Wiederaufbau. Das Prinzip funktioniert offenbar gut: Zu Beginn von Orlandos Amtszeit soll es noch 250 Mafia-Morde pro Jahr in Palermo gegeben haben, am Ende keinen einzigen mehr. Wie sehr die anfangs skeptische Bevölkerung der sizilianischen Hauptstadt Orlandos Kampf unterstützte, zeigte sich im Jahr 1992. Als die Cosa Nostra auf besonders brachiale Weise die beiden Anti-Mafia-Ermittler Giovanni Falcone und Paolo Borsellino umbrachte, war klar: Orlando sollte der nächste sein. Da boten ihm unzählige Frauen aus der Stadt an, sich zusammen mit ihren Kindern mit zu ihm ins Auto zu setzen – denn die Killer sollten wissen: Wenn sie Leoluca Orlando auch noch in die Luft sprengen, sterben unschuldige Frauen und Kinder. Das konnte sich nicht einmal die Mafia erlauben, nicht einmal in Sizilien.
Personifizierte AnklageOrlandos Strategie ist eine Strategie der Symbole – schon alleine sein Auftreten ist eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit, er ist die personifizierte Provokation für die Cosa Nostra. Doch man ahnt, dass es in ihm ganz anders aussieht. Natürlich hat er Angst, das gibt er zu: "Keine Angst zu haben, wäre nicht normal. Aber nicht normal zu leben wegen dieser Angst, wäre auch nicht normal. Also habe ich Angst und versuche, normal zu leben." Normal leben, das ist natürlich relativ bei einem Mann, der in Italien seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr alleine Auto fahren und keinen Schritt ohne Leibwächter und Polizei unternehmen kann. Einfach mal abends gemütlich Essen gehen, eine Party geben, ins Konzert gehen und was man als Politiker sonst noch so macht – völlig utopisch für Leoluca Orlando. Weiter zum Interview: "Keine Angst zu haben, wäre nicht normal" - Leoluca Orlando im Gespräch [Titus Gast, Leadsatz - Fotos: Reuters, Ammann Verlag] Bücher bei Amazon:
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Sizilien, da denken viele immer noch an Mafia, Blutrache, Schüsse auf offener Straße und so weiter. Doch es gibt auch ein anderes Sizilien: Leoluca Orlando kämpft seit Jahrzehnten gegen die Mafia. 
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