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"Keine Angst zu haben, wäre nicht normal" - Leoluca Orlando im Interview
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Er ist sicherlich einer der herausragendsten Sizilianer: Leoluca Orlando war von 1985 bis 2000 mit kurzen Unterbrechungen Bürgermeister von Palermo und wurde in dieser Zeit durch seinen unermüdlichen Kampf gegen die Cosa Nostra weit über Sizilien hinaus bekannt. Heute kämpft er als Präsident des "Sicilian Renaissance Institute" weiter für seine Sache und sitzt als Abgeordneter im italienischen Parlament. Leadsatz-Redakteur Titus Gast hat ihn am Rande einer Veranstaltung in München getroffen, bei der es um innere Sicherheit ging.
Orlando anhören: Interview als Audio-Stream
Herr Professor Orlando, wann haben Sie zum letzten Mal eine Drohung erhalten?
Seit vielen Jahren denkt die Polizei, ich bin in Gefahr. Aber ich meine: Kampf gegen organisierte Kriminalität, das heißt, immer in Gefahr zu sein – mit oder ohne Drohung. Ich darf es vielleicht so sagen: Wenn man eine formelle Drohung bekommt, ist das vielleicht nicht so gefährlich, wie wenn jemand keine formelle Drohung bekommt.
Sie sind ohne Leibwächter hier?
(Zögert kurz) Im Moment ja, aber die Polizei weiß, wo ich bin, in welchem Hotel ich bin, wie meine Agenda aussieht... Aber wenn ich in Italien bin, dann habe ich Tag und Nacht immer Polizisten bei mir, bin immer mit Bodyguards unterwegs. Seit mehr als 20 Jahren weiß ich nicht, was es bedeutet, in Italien Auto zu fahren oder alleine auf der Straße spazieren zu gehen.
Sie waren sehr lange ganz oben auf entsprechenden Listen der Mafia, also eine der von der Mafia am meisten gesuchten Personen. Wie überlebt man so was?
Keine Angst zu haben, wäre nicht normal. Aber nicht normal zu leben wegen dieser Angst, wäre auch nicht normal. Also habe ich Angst und versuche, normal zu leben.
Sie haben sehr erfolgreich in Palermo die Cosa Nostra bekämpft. Wie befreit man eine Stadt wie Palermo von der Mafia? Wie macht man so was?
Ich möchte sagen, wir haben sicher gewonnen. Aber ich muss auch sagen, dass die Mafia noch existiert – in Sizilien, in Palermo und in Italien. Das heißt, wir haben gegen die alte, traditionelle Mafia kulturell gewonnen. Die alte, traditionelle Mafia hat jahrelang die Köpfe der Sizilianer kontrolliert im Namen typischer sizilianischer Werte wie Ehre, wie Familie, wie Freundschaft. Die traditionelle sizilianische Mafia hat im Namen der Ehre gemordet, im Namen der Familie, im Namen der Freundschaft. Sie hat doppelt gemordet: Einmal die Person, einmal die sizilianische Kultur.
Wir haben gegen diese kulturelle Hegemonie der traditionellen Mafia gewonnen. Aber die Mafia hat verstanden, dass sie eine neue Strategie braucht, und heute haben wir die neue Mafia. Die neue Mafia versucht, noch weiter die Köpfe der Bevölkerung zu kontrollieren, im Namen von anderen Werten, die nicht typisch sizilianisch sind. Im Namen von Werten wie Freiheit ohne Regeln, Sicherheit ohne Respekt vor den Menschenrechten, wie Reichtum ohne Harmonie, ohne Entwicklung. Diese neuen Werte sind keine typisch sizilianischen Werte, es sind europäische Werte. Deswegen ist die neue Mafia ein Risiko für ganz Europa. Das Besondere in Sizilien ist, dass wir beide haben: Wir haben die alte, traditionelle sizilianische Mafia, die noch existiert - nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit, aber sie ist noch lebendig - und die neue Mafia. Und: Bernardo Provenzano war und ist wie eine Brücke zwischen alt und neu, zwischen der traditionellen sizilianischen Mafia, die traditionelle sizilianische Werte benutzte und pervertierte, und der neuen Mafia, die europäische Werte benutzt und pervertiert. Den Kampf gegen die Mafia aufzunehmen, das heißt, wir brauchen Kooperation zunächst von Sizilianerinnen und Sizilianern, die die alte, traditionelle Mafia bekämpfen müssen. Aber gegen die neue Mafia brauchen wir nicht nur die Sizilianer, sondern auch die europäischen Banken. Mein Traum, mein Projekt ist es, eine große Allianz zu schmieden zwischen den Kindern in Palermo und den Banken in Frankfurt. Die Kinder in Palermo und die Banken in Frankfurt könnten den gleichen Traum haben, nämlich sich von den zwei verschiedenen Mafias zu befreien.